2026-7-4, Fachtags-Vortrag: Interview mit Alexandra Albert und Dr. Susanne Droste
Seminare

Das Interview

mit Dr. Susanne Droste und Alexandra Albert

In einem Vortrag zu den neurophysiologischen Grundlagen und der praktischen Nutzung des Vagusnervs werden wir uns am Fachtag am 4.7.2026 von Dr. Droste auf den neuesten Stand der Forschung bringen lassen.

Wir freuen uns sehr: Die beiden Autorinnen haben uns in einem Interview Einblicke gegeben in die Entstehung des Buches. Und am Fachtag werden wir erleben, wie das in unsere entspannungspädagogische Praxis umgesetzt werden kann.

Was war für euch der wichtigste Impuls, dieses Buch gemeinsam zu schreiben, gerade im Zusammenspiel von Neurowissenschaft und Mentaltraining?

Die Idee entstand direkt nach unserem ersten Buch Mentaltraining für Sportler. Wir beobachten seit Jahren eine starke Zunahme von Angst, Scham und Druckerleben bei unseren Klient:innen. Wir wollten daher noch genauer hinschauen, warum Athletinnen und Athleten unter Druck nervös werden, blockieren oder ihre Leistung plötzlich nicht mehr abrufen können.

Unser wichtigster Impuls war die Erfahrung, dass Druck und Angst im Sport viel zu oft als reine „Kopfsache“ abgetan werden. Wir wollten sichtbar machen, was tatsächlich dahintersteht, eben keine fehlende Willenskraft, sondern ein hochkomplexes Zusammenspiel neurobiologischer und sozialpsychologischer Prozesse, die im Gehirn und im Körper ablaufen.

Genau an dieser Schnittstelle verbindet sich für uns Neurowissenschaft mit Mentaltraining. Die Neurowissenschaft liefert die Erklärung dafür, was unter Druck im Nervensystem passiert. Das Mentaltraining wiederum zeigt die Werkzeuge, wie sich diese Reaktionen gezielt regulieren und verändern lassen.

Unser Herzensprojekt war es, genau diese Brücke zu schlagen, wissenschaftlich fundiert, aber absolut verständlich und praxisnah – für die Sportler selbst, aber auch für Trainerinnen, Trainer und Eltern.

Welche Erkenntnis oder Übung aus dem Buch erlebt Ihr in eurer Arbeit als besonders wirksam im Umgang mit Angst und Leistungsdruck?

Die für uns wichtigste Erkenntnis ist: Angst ist keine Schwäche, sondern eine evolutionär tief verankerte Schutz- und Aktivierungsreaktion des Nervensystems. Allein dieses Verständnis verändert in der Arbeit mit Athletinnen und Athleten unheimlich viel. Viele hören dadurch auf, gegen sich selbst zu kämpfen. Sie beginnen zu verstehen: Mein Körper will mich nicht sabotieren – er bereitet mich biologisch auf Höchstleistung vor. Wer das verinnerlicht, kämpft in Drucksituationen nicht mehr gegen die eigene Nervosität, sondern nutzt diese biologische Energie gezielt für sich.

In der Praxis erleben wir einfache Regulationsübungen über die Atmung, die bewusste Körperwahrnehmung und die gezielte Aufmerksamkeitslenkung als am wirksamsten. Ein konkretes Beispiel ist die 5-4-3-2-1-Methode. Das ist eine kurze, hocheffektive Technik, bei der der Sportler bewusst Reize im Außen wahrnimmt und sich dadurch sofort aus der destruktiven Innenbeobachtung und den kreisenden Angstgedanken herausholen kann und sich wieder im Hier und Jetzt verankert. Sportlerinnen und Sportler lernen dadurch ihre inneren Zustände aktiv zu steuern. Dadurch erfahren sie, die Kontrolle in wichtigen Situationen zu behalten. Die Qualen der Angst vor Kontrollverlust heben sich damit Schritt für Schritt auf. Genau das ist der Schlüssel im Umgang mit Leistungsdruck. Es geht eben nicht darum, unter Stress nur mental „positiv zu denken“. Wir müssen das Nervensystem so trainieren, dass Klarheit, Fokus und Handlungsfähigkeit auch unter maximalem Druck körperlich zugänglich bleiben.

Welche Aspekte mentaler Stärke werden aus eurer Sicht häufig missverstanden?

Das größte Missverständnis ist, dass mentale Stärke immer noch mit eiserner Willenskraft und dem Unterdrücken von Emotionen gleichgesetzt wird. Athletinnen und Athleten wird fälschlicherweise eingeredet, sie seien „mental einfach nicht stark genug“, wenn sie in entscheidenden Momenten blockieren. Das ist fatal, denn es erzeugt bei den Betroffenen nur zusätzlichen Druck, Selbstzweifel und Scham.

Wir wollen mit unserem Buch mit dem Mythos aufräumen, dass ein Blackout oder weiche Knie Charakterschwächen sind. Wie bereits erwähnt läuft aus neurobiologischer Sicht schlicht ein evolutionär tief verankerter Schutzmechanismus ab. Wenn das Gehirn extreme Gefahr wittert, schaltet der Körper auf Überleben. Das heißt, er versagt in diesem Moment nicht, er reagiert völlig logisch.

Genau dieses Verständnis zu verinnerlichen und zu lernen, gezielt die Kontrolle über diese regulierbaren Körperreaktionen zurückzugewinnen, das ist für uns der wahre Kernpunkt von mentaler Stärke. Mentaltraining kann dadurch zu dem werden, was es eigentlich sein sollte, ein präzises, angewandtes Bio-Hacking.

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Birgit Krengel

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